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Totschweigen

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Tot schweigen

Kommentar zu: „Tot Schweigen – Weil Pharmafirmen Daten vertuschen müssen Patienten leiden“ (Spiegel Nr. 32 vom 01.08.2015) und „The Drugs Don’t Work: A Modern Medical Scandal“ von Ben Goldacre (http://readersupportednews.org/opinion2/272-39/13627-the-drugs-dont-work-a-modern-medical-scandal)

Viele Patienten, die an psychischen Krankheiten leiden, werden routinemäßig mit Psychopharmaka behandelt.  Mit klinischen Studien wird angeblich deren Wirkung bewiesen. Veröffentlichte Studien in guten medizinischen Journalen werden daraufhin überprüft, ob sie wissenschaftlichen Standardkriterien genügen. Eines der Hauptkriterien ist der Einsatz von Kontrollgruppen – also, ob die Gruppe der Patienten, die mit dem Medikament der jeweiligen Pharmafirma behandelt werden, besser abschneidet, als Gruppen, die mit Placebo oder anderen Medikamenten von Konkurrenten abschneiden. Klingt erst mal nicht schlecht. Es gibt aber auch methodische Fehler, die trotzdem immer wieder vorkommen (zu kleine und/oder nicht representative Stichproben, falsche Auswertungsmethoden).

Liest man die jeweiligen Fachveröffentlichungen, schneiden die Medikamente gut ab – und davon hängt ihre Zulassung bei den jeweiligen zuständigen Behörden ab.
Aber und das ist ein großes ABER: keine Firma ist verpflichtet Daten zu veröffentlichen. Sie haben mehr unveröffentlichte Daten als veröffentliche. Und sie weigern sich häufig, die Daten unveröffentlichter Studien herauszugeben. Inzwischen gibt es einige Studien, in denen es gelungen ist, an Daten unveröffentlichter Studien heran zu kommen. Ein sehr bekanntes Beispiel betrifft das Medikament Reboxetin der Firma Pfizer – ein Antidepressivum (wie im Spiegel (Nr. 32 vom 01.08.2015) erwähnt). Die Ergebnisse sind verheerend. Zeigen Studien keine Wirkung oder sogar eine schlechtere Wirkung (in Effektivität oder für Nebenwirkungen) als das Konkurrenzprodukt, werden sie nicht veröffentlicht. Häufig übertrifft die Anzahl der Studien und Daten, die in diesem Sinne negativ ausfallen, bei weitem die veröffentlichten Studien und Daten. Das betrifft Psychopharmaka, aber auch z. B. Herzmedikamente.

Es kommt noch schlimmer. Wird die Studie vom Hersteller bezahlt (was häufig der Fall ist), fallen die Ergebnisse deutlich positiver aus, als wenn die Studie von anderen Stellen finanziert werden. Zufall oder Absicht? Jeder kann sich seine eigene Meinung bilden. Aber der gesunde Menschenverstand gibt einem eigentlich die Antwort.

Die Pharmaindustrie soll nicht verteufelt werden. Es gibt auch Medikamente, die wirklich helfen, Leben retten und notwendig sind. Aber diese Erkenntnisse mahnen zu einem verantwortungsvollen und kritischen Umgang mit Medikamenten. Und es sollten schon bestimmte Regelungen eingeführt werden. Im Moment gibt es eine Initiative eine neue EU-Verordnung einzuführen, die mehr Transparenz bringen soll. Demnach sollen klinische Studien (also Studien, die Medikamente oder Medizinprodukte prüfen) registriert werden (so dass Transparenz herrscht, was wann von wem geprüft wird) und ALLE Daten zwingend offen gelegt werden. Allerdings gilt dies nicht rückwirkend, sondern nur für künftige Studien.
Also – dies ist kein Aufruf gegen Medikamente oder gegen die Pharmaindustrie. Dies ist nur ein Aufruf zum verantwortungsvollen Umgang mit Medikamenten. In unser aller Interesse.

Dr. Claudia Wilimzig