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VCTG News-Archiv


26.08.2015

Buchempfehlung von Frau Dr. Claudia Wilimzig

Rezension: „Unsere innere Uhr – Natürliche Rhythmen nutzen und der Non-Stop-Belastung entgehen“ von Jürgen Zulley und Barbara Knab, erschienen im Mabuse Verlag

Schichtarbeit, Nachtarbeit und natürliche Rhythmen
Wir neigen dazu Schichtarbeit und Wochenendarbeit für ein Phänomen der Neuzeit zu halten. Wie Jürgen Zulley und Barbara Knab darlegen, ist dies ein Irrtum. Schon im antiken Rom wurde die Nacht zum Tag gemacht. So wurden Waren für den Markt per Dekret von Caesar nachts transportiert, um die Straßen tagsüber zu entlasten. Übrigens mit weitreichenden Folgen – die eisenbeschlagenen Holzkarren dürften bei der damaligen Straßenqualität so manchem den Schlaf geraubt haben. Davon abgesehen waren bestimmte Berufs- und Personengruppen schon immer „rund um die Uhr“ im Einsatz. Babys und Krankheiten haben sich noch nie an Arbeitszeiten gehalten, was Hebammen, Heilkundige und Ärzte auf Trab hielt. Militär, Nachtwachen, Feuermelder, Polizei, Transportwesen und Kuriere haben eine lange Tradition in der Nachtarbeit. Nicht zuletzt musste lange Zeit Feuer 24 Stunden lang in Gang gehalten werden – eine Aufgabe, die Frauen zufiel.
 
Die Menschheit hat also eine lange Tradition im Umgang mit Schicht-, Nacht- und Wochenendarbeit – dennoch lässt (und muss!) sich im Umgang damit, wie die Autoren ausführlich darlegen, einiges optimieren. Dies gilt insbesondere, da in Zeiten der Industrialisierung und des elektrischen Lichts die Anzahlen von Schicht- und Nachtarbeitern rapide zunahmen. Ebenso hat das 24-Stunden-Freizeitangebot zugenommen, was (gerade in bestimmten sozialen Kreisen) wiederum unter Druck setzt. Auch in den letzten Jahren stiegen diese Zahlen weiter an. Im Jahr 2011 (entnommen einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linksfraktion) arbeiteten ca. 8,9 Millionen Arbeitnehmer (ca. jeder 4.) ständig oder regelmäßig am Wochenende. 6 Millionen verrichteten Schichtarbeit. 3,3 Millionen Beschäftigte arbeiteten zwischen 23 und sechs Uhr. Zu den besonders betroffenen Berufsgruppen zählen auch soziale Berufe und die Gesundheitsbranche – eine Mahnung an alle VCTG-Mitglieder die Botschaft dieses Buches ernst zu nehmen!
 
Die Autoren beleuchten zunächst, welche natürlichen Rhythmen es alles gibt. Meist denken wir an Tag-Nacht-Rhythmus und bei individuellen Rhythmen an „Eulen und Lerchen“. Wie aber ausführlich und interessant dargestellt wird, gibt es noch viel mehr Aspekte – jährliche Rhythmen, altersabhängige Änderungen des Rhythmus, interkulturelle Unterschiede (die südländische Siesta!) und vieles mehr. Besonders wertvoll ist, dass auch der „soziale Rhythmus“ betrachtet wird, der meist unbeachtet bleibt: wer Nachtarbeit leistet, hat nicht nur das Problem bei Tageslicht schlafen zu müssen – sondern die Nachtarbeit reduziert auch die Zahl seiner Sozialkontakte, da er entgegen dem Rhythmus seines sozialen Umfelds lebt.
Beachtung finden auch Auswirkungen des Tag- und Nacht-Rhythmus auf die Physiologie, z. B. Temperatur, Blutdruck und Schmerzempfinden. Wichtig für alle Mediziner und Heilpraktiker: die notwendige und umgekehrt die maximal verträgliche Dosis von Medikamenten variiert je nach Tageszeit dramatisch!
 
Die Andechser Experimente
Hochspannend ist auch die Schilderung der Andechser Versuche. Hier versuchten Forscher des Max-Planck-Instituts für Verhaltensphysiologie in Andechs (bei München) der „reinen“ natürlichen Rhythmik auf die Spur zu kommen, indem sie Menschen in den sogenannten „Andechser Bunkern“ „zeitlos“ leben ließen. Zeitlos bedeutet in diesem Falle:
  • kein natürliches Licht
  • keine Uhr
  • kein Fernsehen
  • kein Radio
  • kein Internet
  • keine Begegnung mit anderen Menschen 
Menschen stellen sich unter diesen Bedingungen auf einen 25 (kein Tippfehler, nicht 24!) Stunden Rhythmus ein. Die Ergebnisse sind sehr faszinierend und vielschichtig – an dieser Stelle soll ein Befund besonders hervorgehoben werden. Was passiert, wenn die Versuchspersonen nach vier Wochen wieder „entlassen“ werden?
  • Sie sind fasziniert von der Frische der Luft, den Farben und Geräuschen der Natur
  • Sie wollen andere Menschen treffen – treffen sich zum Teil zum gemeinsamen Besuch im Klosterbräuhaus
  • Wenn dies geschieht, müssen sie regelmäßig den Ort der Geselligkeit wieder verlassen
  • Nach vier Wochen Alleinsein, kann keiner Lärm und Geselligkeit mehr ertragen
  • Wieder in München sind sie erstaunt über die Mengen an Autos
  • Nach ein paar Tagen Großstadt gewöhnen sie sich wieder an Hektik, Menschenmassen und Lärm
  • Alle betrachten ihre Zeit im „Bunker“ als einmalig, berichten über intensive Erfahrungen und behalten eine stille Sehnsucht im Alltag nach der Ruhe, Intensität und Konzentration, die sie dort erfahren haben
​Alle Coaches und Trainer, die mit Stressgeplagten arbeiten und Verfahren wie Entspannungsmethoden (z. B. Autogenes Training), Meditation, Yoga und ähnliche Methoden anwenden, können hier viele Botschaften entnehmen.
 
Die Gefahren der Non-Stop-Gesellschaft und ihre Kosten
Die Gefahren von der Non-Stop-Gesellschaft sind vielfältig, weil eben viele übermüdet sind. Je nach Schätzung werden 12 bis 24 Prozent aller Unfälle durch Einschlafen am Steuer verursacht. Nimmt man noch verminderte Aufmerksamkeit (auch ein typisches Symptom von Übermüdung). Die meisten (oder sogar alle) Großunfälle der letzten Jahre haben indirekt oder sogar direkt mit Übermüdung zu tun. Dazu zählen fehlgesteuerte Atomkraftwerke, z. B. das Tschernobyl Unglück, gesunkene oder leckgeschlagene Schiffe, z. B. das Tankerunglück der Exxon Valdez vor Alaska, Flugzeug -oder Raumfährenunglücke und Industrieunfälle. Das verursacht enorme Kosten – das Unglück der Exxon Valdez kostete mehrere Milliarden US-Dollar und kostet noch immer. Versucht man die Kosten für Tschernobyl zu berechnen (von der Strahlengefahr ganz zu schweigen), kommt man auch etwa 300 Milliarden US-Dollar. Einschlafbedingte Verkehrsunfälle kosten mindestens 5 Milliarden. Hinzu kommen Kosten bei Unternehmen, soziale Kosten und individuelle Kosten, die sich oft nicht in Zahlen fassen lassen. Kosten für das Gesundheitssystem werden oft gar nicht berechnet – sie sind aber auf jeden Fall beträchtlich und betreffen uns alle.

Was empfehlen die Autoren und was können wir tun?
Die Empfehlungen sind ausgiebig und reichen von eher global bis sehr spezifisch. Beispiele für globale Empfehlungen sind:
  • Arbeitszeitregelungen überdenken, an biologische Bedürfnisse anpassen und die Trennung zwischen Arbeitszeit und Freizeit beachten.
  • Regierung, Wirtschaft, Gewerkschaft, Öffentlichkeit und Wissenschaft müssen zusammenarbeiten.
  • Aufgabe der Wissenschaft ist hierbei solide Grundlagenforschung zu betreiben und seriöse (!!!) Statistiken nach einheitlichen Kriterien zu erstellen.
  • Kreative Pausen zu nutzen – und auch wirklich zu nutzen anstelle sie mit anderen Tätigkeiten zu füllen. Entschleunigung ist ja auch inzwischen ein Modewort.

Beispiele für spezifische Empfehlungen sind:
  • der Arbeitsplatz sollte hell ausgeleuchtet sein, weil helles Licht stimuliert.
  • ein Mittagsschlaf ist zwar in unserer Kultur verpönt, aber sehr gesund! 


Uhrenzeit versus Ereigniszeit versus biologische Zeit
Die Uhrenzeit bestimmt klassisch unseren Tagesablauf – sie bestimmt, wann wir aufstehen, zum Arzt gehen, essen usw. Viele halten dies für die einzige Zeit Es gibt aber auch die Ereigniszeit, weil Ereignisse unseren Tagesablauf prägen. Wir werden spontan eingeladen, Arbeiten werden nicht in der vorgesehenen Zeit ausgeführt, weil ein anderes Ereignis uns daran hindert etc. Menschen, die nach dieser Ereigniszeit leben, essen nicht, wenn es 12 Uhr ist, sondern wenn sie hungrig sind, sie machen Termine von Ereignissen und der natürlichen Umgebung abhängig. In einigen Kulturen leben Menschen nach dieser Zeit. Aber die Autoren verweisen auch darauf, dass die biologische Zeit, die Rhythmen, die uns die innere Uhr vorgibt, beachtet werden müssen. Sie schließen mit dem schönen Zitat (S. 203)

  • „Eine Balance zu finden zwischen der „biologischen Zeit“, der „Ereigniszeit“ und der „Uhrenzeit“ wäre demnach ideal – die Möglichkeiten der Moderne nützen, nicht aber uns benützen lassen."

 
Lichttherapie
Ein Thema ist noch von besonderem Interesse – die Sonne.
Früher galt die Sonne in vielen Kulturen als heilig. In vielen ist das auch heute noch der Fall, die Sonne wird verehrt und es gibt spezielle Sonnenrituale. In unserer westlichen Kultur neigen wir inzwischen dazu, die Sonne eher zu verteufeln, weil man sie eher als hautkrebsverursachend ansieht. Sie heilt aber auch. Viele von uns kennen den Winterblues und werden mit Licht behandelt – und das seit über 2300 Jahren. Ein altes deutsches Sprichwort besagt „Wo die Sonne scheint, kommt der Arzt nicht hin“. Die im 18. Jahrhundert aufkommende naturwissenschaftliche Medizin setzte sich darüber nicht hinweg. Sonnenbäder wurden primär eingesetzt gegen Depressionen, aber auch Tuberkulose, Hauterkrankungen, gegen Nasen- und Ohrenleiden, Fettsucht und Erschöpfung. Die wissenschaftliche Erforschung davon steckt allerdings noch in den Kinderschuhen. Aber gerade Ärzte und Therapeuten können sich durchaus überlegen, ob Sie diese uralten Weisheit nicht auch in ihrer Praxis einsetzen können.
 
Fazit
Ein hochspannendes, sehr fundiert recherchiertes Buch, das viele Facetten zu den Themen Zeit und innere Uhr beleuchtet, von denen hier nur einige angedeutet werden konnten. Es schafft einen sehr guten Spagat zwischen Wissenschaftlichkeit und unterhaltsamem Schreibstil. Man lernt beim Lesen viele Tipps, wie man psychisch stabiler, insgesamt gesünder, glücklicher und ausgeglichener, aber auch leistungsfähiger werden kann. Mein Rat für jeden, der sich mit dieser Thematik beschäftigt (für sich selber und/oder als Coach anderen helfen möchte): unbedingt kaufen und lesen!
 
Weitere Informationen:
Zulley, Jürgen / Knab, Barbara
Unsere Innere Uhr
Natürliche Rhythmen nutzen und der Non-Stop-Belastung entgehen
Mabuse-Verlag 2. Aufl. 2014, 223 S., 16,90 Euro
ISBN 978-3-940529-32-9
http://www.mabuse-verlag.de/anr_9783940529329
 
 
Kurzbeschreibung:
Der Mensch verfügt über eine innere Uhr, die nie unbeteiligt bleibt, wenn wir unser Leben umorganisieren. Ändern sich äußere Rhythmen, so irritiert es sie nur für kurze Zeit. Langfristig passt sie sich an, sobald die äußeren Bedingungen wieder stabil sind. Wenn wir uns jedoch immer wieder über sie hinwegsetzen, dann können wir krank werden. Dieses Buch gibt Rat, wie wir das Wissen der Chronobiologie nutzen und gesund bleiben. 





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